Maskerade (Clubgeschichten)

Es hatte mal wieder Streit gegeben. Ulla hantierte in der Küche geräuschvoll mit dem Geschirr. Der Tür zum Wohnzimmer den Rücken gekehrt, wo Jürgen im Sessel versunken den Fernseher anstarrte, räumte sie die Spülmaschine leer.

Es musste sich was ändern, soviel stand für sie fest. Ihr Sesselpupser war in den letzten zwei Jahren zum Langweiler mutiert. Keine gemeinsamen Unternehmungen mehr, und im Bett wurde auch nur noch geschlafen. Sie war es satt. Nicht mal jetzt zum Karneval war ihr Mann zu irgendetwas zu bewegen.

„Du hast sicher nichts dagegen, wenn ich heute Abend zu Vera gehe“, rief sie ihm zu, ohne sich umzudrehen. Die Antwort ließ einen Augenblick auf sich warten. Dann kam nur ein „mach, was du willst“ aus dem Sessel. Auch egal. Sie beschloss, ihre Arbeit einzustellen und ging die Treppe ins Schlafzimmer rauf. Rasch war sie umgezogen und die kleine Reisetasche gepackt. Sie würde einmal mehr bei ihrer besten Freundin übernachten. Jürgen schien das nichts auszumachen.

Nach einem etwas längeren Aufenthalt im Bad rauschte sie an Jürgen vorbei Richtung Haustüre. „Bis morgen“, zischte sie. „Wie immer“. Ohne die Antwort abzuwarten schnappte sie sich ihren Mantel und war verschwunden. Draußen stieg allmählich ihre Laune wieder. Vera hatte ihr schon vor Tagen gesagt, mit ihr mal was Neues zu unternehmen. Ullas Neugierde war geweckt, aber Vera hatte dicht gehalten.

***

Endlich war sie weg, und sie würde vor morgen Mittag nicht wiederkommen. Es war so leicht, diese Nummer immer wieder durchzuziehen. Er packte die Badelatschen und einen frischen Slip in einen Beutel, vergaß auch nicht sein Zorro-Kostüm und warf einen Blick in sein Portemonnaie. Bald saß er in seinem Auto und für nach Nord-Westen aus der Stadt. Nach vielleicht 30 Kilometern war der Club erreicht.

Es herrschte schon reger Betrieb an der Bar. Zwei Marketenderinnen unterhielten sich mit einem Piraten. Ein paar Cowboys saßen auf ihren Hockern. Um die nackten Hüften waren breite Patronengürtel geschnallt, schwere Colts an den Seiten im Halfter. Alle waren maskiert, getreu dem Motto der Party.

Jürgen bestellte einen Gin-Tonic und gesellte sich zu einer Gruppe Hexen und Zauberern, die die Sitzgruppe neben der Theke in Beschlag genommen hatten. Zur Karnevalszeit hatte der Besuch des Swingerclubs schon etwas Besonderes. Durch seine regelmäßige Anwesenheit dort kannte er schon viele Gesichter. Aber heute Abend war es schwer, jemanden zu erkennen. Das hatte einen gewissen Reiz, dem er sich gerne hingab.

Nach und nach wurde es voller, und eine prickelnde Atmosphäre erfüllte den Raum. Man unterhielt sich kaum, wollte man doch nicht erkannt werden. Jürgen fand es an der Zeit, mal durch die Zimmer zu wandern. Vielleicht wurde sich dort ja schon amüsiert. Er schnappte sich ein Handtuch und ging die Treppe hoch, an deren Ende sich auf der linken Seite die große Spielwiese anschloss.

Mehrere Paare wälzten sich auf den Matten und er legte sich abwartend erst einmal daneben. Noch weitere Damen und Herren erschienen kurz nach ihm und machten es ihm nach. Schnell war fremde Haut erobert und galt entdeckt zu werden. Seine Streicheleinheiten wurden erwidert und er berauschte sich an der Erotik, die man förmlich atmen konnte.

Bald schon drang er in eine Dame ein, die sich als Fee mit an ihrem Body angeklebten Flügeln verkleidet hatte. Es war traumhaft schöner Sex. Wenig später sank er erschöpft neben sie und musste sich den Schweiß von der Stirn wischen. Seine Bettgespielin lüftete zum gleichen Zweck ihre Maske und beide durchfuhr ein heftiger Schreck.

"Jürgen? Du hier?"

"Ulla!" Wie gelähmt, mit geöffneten Mündern, starrten sie sich an.

"Ich dachte, du wärst bei Vera", presste Jürgen schließlich heraus.

"Und ich habe gedacht, du wärst wieder vorm Fernseher eingeschlafen".